Gleichstellung

Gleichstellung geht uns alle an – 366 Tage im Jahr!


Auf dem Papier ist Gleichstellung schon eine ganze Weile umgesetzt. In der Realität sind wir aber auch im Jahr 2008 noch meilenweit davon entfernt – betroffen sind vor allem Frauen, aber auch Männer.

Situation am Arbeitsplatz

Frauen sind gerade am Arbeitsplatz von massiven strukturellen Ungerechtigkeiten betroffen. Nicht selten verdienen Frauen für dieselbe Arbeit weniger als ihre männlichen Kollegen und werden bei Beförderungen seltener berücksichtigt. Auch wenn dies oftmals auf direkte strukturelle Ungerechtigkeiten zurückzuführen ist, gibt es auch indirekte Faktoren. Diese manifestieren sich in den teilweise tieferen Abschlusslevels von Frauen, welche dann eine Benachteiligung auch real begründbar machen. An dieser Situation sind die universitären Verhältnisse mitschuldig.

Situation an der Universität

Gerade das neu eingeführte Bachelor- Mastersystem führt eine weitere Ausscheidungsschwelle ein, was die Situation noch weiter verschlechtern dürfte. Es ist zu befürchten, dass der Frauenanteil schon hier ein erstes Mal zurückgeht, wie dies auch bei den höheren akademischen Stufen der Fall ist. Die Daten der Uni Bern aus dem Jahr 2006 sprechen eine deutliche Sprache. Während im WS06/07 der Frauenanteil bei Studienbeginn noch bei 51.4% lag, beträgt der Frauenanteil bei den ordentlichen Professuren gerade mal 12,5%. Dieses Absinken des Frauenanteils ist ein linearer Prozess, welcher sich mit einer Abnahme von 10-20% des Frauenanteils pro Qualifikationsstufe bemerkbar macht. Dieser massive Unterschied ist nicht, wie viele meinen, ein Relikt aus alten Strukturen und werde sich in Zukunft von alleine aufheben, sondern es ist die Folge von heutigen Strukturen, welche noch immer von Männern dominiert sind. Der Blick ins Ausland zeigt, dass es auch anders ginge. Die Schweizer Zahlen liegen im direkten Ländervergleich der grossen Industrienationen im letzten Viertel und gesamthaft deutlich hinter dem europäischen Mittel, welches selbst schon tief ist.

Ein weiteres Phänomen ist, dass gerade Berufsfelder, in welche vermehrt Frauen eintreten, eine systematische Abwertung wiederfahren. Als Folge dieser Abwertung sinkt die gesellschaftliche Anerkennung und direkt damit gekoppelt der Lohn.

Familie und Kinderbetreuung

Ein weiteres strukturell-gesellschaftliches Problem ist, dass die Verantwortung für Familie und Kinderbetreuung aufs Neue vermehrt den Frauen übertragen wird, dies nicht ohne weitgehende Konsequenzen für die betroffenen Frauen. Es entstehen und festigen sich Abhängigkeitsverhältnisse, welche die Frau ökonomisch und sozial an ihren Partner bindet. Aber auch Männer, welche sich gerne vermehrt in die Familien und Kinderbetreuung einbringen wollen, stossen schnell auf verschlossene Türen, da für diese Anliegen die Strukturen fehlen. Neben besseren Möglichkeiten zur Kinderbetreuung wie Tagesschulen, Kindertagesstätten, Nachschulbetreuung etc. würde die Schaffung von flexibleren Teilzeitstellen im gesamten Arbeitsbereich, aber gerade auch in höheren Positionen, die Voraussetzungen für eine reale Chancengleichheit deutlich verbessern. Für Paare oder Einzelpersonen mit Erziehungsfunktionen muss die Arbeit entsprechend ihren Verpflichtungen organisierbar sein, dies ist nicht ein „nice to have" sondern ein „must"!

In der ganzen Debatte sollte nicht vergessen werden, dass sich diese Diskussion für einen grossen Teil der Gesellschaft schon grundsätzlich erübrigt. Denn in vielen Fällen ist die ökonomische Situation ohnehin schon prekär und die Familie ist auf zwei Einkommen angewiesen. Wenn die ökonomische Situation es zulässt, dass eine Person zu Hause bleiben kann, hat meist die Frau das Nachsehen. Dies ist strukturell bedingt, da die Frau oftmals die schlechteren Karten auf dem Arbeitsmarkt hat und auch real weniger verdient, leider muss aber auch festgehalten werden, dass die bewusste Diskriminierung von Frauen noch immer eine Realität ist.

Fazit

Diese Ausführungen lassen erkennen, dass eine reale Gleichstellung von Mann und Frau nicht zuletzt zu einer Frage der finanziellen Lage wird. Familien mit gutem finanziellem Hintergrund können es sich leisten, ihre Kinder in Kindertagesstätten zu schicken, gegebenenfalls Nachhilfeunterricht zu finanzieren etc. und das Arbeitspensum bei beiden Elternteilen zu reduzieren, falls dies erwünscht ist. In finanziell schlechteren Verhältnissen ist dies alles nicht möglich, die vermeintliche Gleichstellung der Frau verkommt zur Gleichstellung beim Arbeitspensum.

Es gibt kulturelle, soziale und ökonomische Barrieren, welche eine reale Gleichstellung von Frau und Mann verhindern. In erster Linie bekommen Frauen die Auswirkungen dieser Barrieren zu spüren. Jedoch stossen auch vermehrt Männer daran, vor allem dann, wenn sie sich auch aktiv an der Familienarbeit beteiligen wollen und diese Forderung auch gegenüber ihren ArbeitgeberInnen anbringen.

Auf struktureller Ebene besteht also noch erheblicher Handlungsbedarf. Barrieren und Schranken gilt es strikte aufzudecken und zu hinterfragen, bei gesellschaftlichen Abläufen muss jeweils die Frage nach dem Genderaspekt gestellt werden und genau hinter die Kulissen geschaut werden

Ansatzmöglichkeiten gibt es diverse: Einerseits die ganz praktischen, alltagsnahen, wie KiTa's oder Tagesschulen. Bei Neuanstellungen und Beförderungen sollte vermehrt auf die geschlechterspezifischen Lebensläufe geachtet werden. Eine wichtige Komponente ist jene der Mentorinnen und Vorbilder, welche bei der Bildung von Netzwerken und Interessen für Frauen und Männer gleich wichtig sind. Weiter muss den geschlechtsspezifischen Auswirkungen der gesellschaftlichen Abläufe auch in Forschung und Wissenschaft vermehrt Rechnung getragen werden. Nur so ist eine gänzliche Gleichstellung von Frau und Mann möglich. Doch ist dies nur gemeinsam erreichbar, deshalb:


Gleichstellung geht uns alle an – auch dich! Damit die Ampeln in Zukunft für alle grün sind.


Dokumente

Gleichstellung Betreuungsangebote Stadt Bern
Gleichstellung Vereinbarkeit: Angebot Uni Bern
Gleichstellung Schweiz im internationalen Vergleich
Geschlechtergerechte Sprache
Positionspapier Gleichstellung
Positionspapier Sexismus
Broschüre zu Sexismus: Behauptungen und Fakten