Wohnen bei den Eltern

Auszug aus der NZZ Campus Ausgabe vom März 2016, S. 43

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Eine Studentin fragt: “Ich bin 20 Jahre alt und lebe noch bei meinen Eltern, da ich mir eine eigene Wohnnung nicht leisten kann. Mit meiner Familie habe ich häufig Konflikte ich bin alt genug mein Leben selber zu bestimmen! Welche Rechte habe ich, wenn ich noch zu Hause lebe? Müssen mich meine Elternfinanziell unterstützen, wenn ich ausziehen will?”
 
Du bist volljährig und damit verantwortlich für dein eigenes Handeln. Das bedeutet aber nicht, dass du tun und lassen kannst, was du willst. Solange du bei deinen Eltern lebst, können diese von dir sogar verlangen auszuziehen, solltest du zu Hause geltende Regeln nicht beachten.
Bis zum Abschluss einer Erstausbildung - das heisst bis und mit Masterstudium - müssen Eltern für den Unterhalt ihrer Kinder aufkommen. Diese gesetzliche Pflicht umfasst
aber nicht die Miete einer eigenen Wohnung. Im Gegenteil: De iure könnten deine Eltern dich zur Kasse bitten, und zwar für Unterkunft, Verpflegung und übrige Leistungen, die du im elterlichen Haushalt beziehst.
2005 hat das Bundesgericht entschieden, dass bei Studierenden der Geisteswissenschaften 700 Franken pro Monat zurnutbar sind. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass sich viele Studierende ein Zimmer in einer WG leisten können: Sie haben einen Nebenjob und werden zusätzlich von den Eltern unterstützt.
Sollte die finanzielle Situation deiner Eltern eine Unterstützung nicht zulassen, hast du höchstwahrscheinlich Anspruch auf Stipendien. Oder du kannst ein Darlehen beantragen. Als Erstes kommen dabei Ausbildungsbeihilfen des Wohnkantons der Eltern infrage. Die zuständigen Stellen können dir genau sagen, ob du mit solchen subsidiären Beihilfen rechnen darfst oder nicht. In Bern ist das die Abteilung Ausbildungsbeiträge im Amt für zentrale Dienste der Erziehungsdirektion.
Verweigern deine Eltern eine Unterstützung, obwohl sie dazu in der Lage wären, könntest du eine zivilrechtliche Klage einreichen. Ein solcher Schritt ist jedoch problematisch. Wer will schon gegen die eigenen Eltern vor Gericht ziehen? Zuerst wäre auf jeden Fall eine Familienberatung aufzusuchen.
 
Michel Brülhart studiert Rechtswissenschaft.
Er ist Co-Leiter der Rechtsberatung der StudentInnenschaft
der Universität Bern (SUB).

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